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„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“

Dieser Satz aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbst“ (1902) kam mir gerade in den Sinn. Zwar ist schon kein Herbst mehr, sondern bereits tiefster Winter, aber die Nachrichten aus der Welt und der Politik in Deutschland verbreiten Endzeitstimmung, die Schockstarre auslösen können. Eine Vorahnung auf eisige Zeiten – das beinhaltet die letzte Strophe des Gedichts – dürften viele in den letzten Tagen empfunden haben.

Es fing schon vor Längerem an. Im Bekanntenkreis werden heiße Themen gemieden, später wird man selbst gemieden, weil allein das Wissen, dass die Person den Finger in die Wunde legt, nervt, oder das Erscheinen der Person schon durch ihr Andersein deutlich macht, dass sie aus der Wohlfühlwolke herausholen will; die Kinder leben sich mit den Nachbarskindern auseinander, jedes lebt in seiner eigenen Realität. So wird es nach und nach tatsächlich sozial kälter. Krisen wie Corona verstärken das Gefühl, sich nur noch auf sich selbst verlassen zu können.

„Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,“ so Rilke weiter. Ja, das wird wohl so kommen, denn wenn eines in unserer Wohlstandsgesellschaft vor allem verloren gegangen ist, dann ist es das Miteinander, das Mitfühlen, das Akzeptieren des Anderen als ebenbürtigen Menschen. Wahrscheinlich ist die Dekadenz schon so weit vorangeschritten, dass nur noch ein Niedergang dieser westlichen Kultur möglich sein wird. Denn seien wir mal ehrlich: Eine Ellbogengesellschaft, in der alle nur nach vorne schauen aber nie neben sich oder hinter sich gucken, kann auf Dauer nur verlieren.

Jüngst im Bus: Schulbus fährt die Dörfer an, Schüler*innen steigen ein, die in die besser bewertete Gemeinschaftsschule gehen, die über dem Berg liegt. Meine Kinder waren in Schulen in unserer Stadt, viele Kinder mit Migrationshintergrund, Schule hat keinen so guten Ruf. Meine Kinder haben auch Migrationshintergrund. Also kein Problem für sie. Mein Sohn fährt einmal mit diesem Bus und ist verwundert: Diese reinweißen Dudes in ihrer Blase, die auf die reinweiße Dorfschule fahren -wie sollen die lernen, wie ein Zusammenleben heute geht – mit Kindern von überall her, aus allen Gesellschaftsschichten? Die Spaltung der Gesellschaft beginnt schon bei der Wahl der Intsitutionen, in die wir unsere Kinder schicken (können). Nicht alle Eltern können sich das Busfahren leisten, nicht alle möchten ihre Kinder fahren lassen. Und am Ende ist genau das auch das Problem mit den Endzeitphantasien: Nicht alle können sich eine Flucht ins Paradies leisten.

Nachrichten über Pläne, Menschen zu deportieren, politisch Widerspenstige auszuschließen machen die Runde – die Mehrheit schläft. Im warmen Bett, mit Träumen vom nächsten Mallorcaflug. „Sollte es mal soweit kommen, dann sind wir ja nicht betroffen. Dann werden die Vernünftigen schon noch was zu sagen haben – und haben die von dieser Partei nicht auch ein wenig Recht: es liegt alles an den Flüchtlingen und den Schmarotzern, die Bürgergeld kassieren – sollen die doch einfach mal den Hintern hoch kriegen und arbeiten gehen! Hier lohnt sich harte Arbeit noch! Wie Du da immer nur rumspazierst, brauchst Du Dich nicht zu wundern! Dein Leben möcht ich haben!“ Es ist ein riesengroßes Privileg, bei solchen Meldungen still bleiben zu können und wahrlich glauben zu können, es werde nicht noch schlimmer werden. Es ist schon jetzt ganz schlimm. Das Klima ist dermaßen abgekühlt, dass man sich wundert, dass nicht manche, die zu Eissäulen erstarrt sind, einfach zersplittern!

Wer jetzt nichts merkt, wird nichts mehr merken, um Rilke mal abzuwandeln.

Ganz am Anfang war bei uns eine Art Kindergarten für die gesamte Straße – es war immer sehr willkommen, dass jemand Zeit hatte, auf andere Kinder aufzupassen. Jetzt ist niemand mehr da. Die Kinder sitzen allein in ihren Zimmern, sehen sommers wie die Nachbarkinder an unserem Garten vorbeischleichen, zu ihresgleichen. Es gab Fragen zu einer schwarzen Puppe, warum die so aussieht. Fragen zum Papa, warum der immer so fröhlich ist. Gerüchte über schwarze Männer, die Kinder töten. Leute, erzählt solchen Quark jemand anderem! Oder noch besser: Erzählt es einfach gar nicht! Was bleibt den Kindern anderes übrig, als sich zum Selbstschutz zurückzuziehen in die Familienbubble? Die anderen merken es nicht, sie sehen es nicht, sind in ihrer Realität. Es sei Ihnen gegönnt, aber weh tut es trotzdem.

„wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Die ersten beiden Strophen des Gedichts sind noch recht positiv und erkennen im Herbst eine willkomene Abkühlung nach einem heißen Sommer. Die dritte Strophe aber denkt schon and den Winter, an alles was unbequem werden wird. Das einzig Relativierende, was darauf als Antwort bleibt, ist vielleicht die Binsenweisheit, dass nach jedem Winter wieder ein Frühling kommt.

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Euphemismen für Extreme

Sprache bildet Wirklichkeit ab, Sprache ist Werkzeug und Vermittlerin. Und sie kann dafür genutzt werden, Macht zu reproduzieren, Schlimmes zu beschönigen, Blickwinkel auszublenden. Sprache ist Kommunikation und Kommunikation ist ein Grundfaktor für eine Gesellschaft. Wie über was gesprochen wird, sagt oftmals viel über eine solche aus. Es lohnt sich, die Sprache, die in bestimmten Sphären genutzt wird, genauer anzuschauen.

Laut Duden (https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Euphemismus) hat ein Euphemismus folgende Funktion: „Mit einem Euphemismus wird etwas, was eine möglicherweise anstößige oder unangenehm wirkende Bezeichnung hat, beschönigt, verhüllt oder sprachlich gemildert.“

Werden solche Worte lange genug benutzt und bürgern sich regelrecht ein, so gelingt es damit manchmal, Realitäten auszublenden, etwas Grausames auf eine rein sachliche Ebene zu reduzieren.

Gleichzeitig gibt es auch das Gegenteil von Euphemismen, die sogenannten Dysphemismen, die einem Wort einen negativen Beigeschmack geben und so dafür sorgen, dass manche Sachverhalte nicht mehr wertfrei betrachtet werden.

Beide Sprachmittel haben jeweils die Funktion, das, was eigentlich gesagt werden soll, zu verschleiern.

In der aktuellen politischen Diskussion wimmelt es von solchen Begriffen. Die Tatsache, dass krude Theorien mit beschönigenden Worten als etwas Positives dargestellt werden, macht es vielen Menschen einfach, solchen Theorien zu folgen. Der politische Dikurs, der igendwann in grauer Vorzeit einmal ethische Tabus kannte, wird immer weiter nach rechts verschoben, die Grenzen des einst Sagbaren gibt es nicht mehr und damit auch keine Grenzen der Ethik und der Empathie. Heute ist es wieder möglich, von Menschen als Tieren zu sprechen, von Auslöschung menschlichen Lebens als „Lösung“ und Wertigkeiten herzustellen, eine Hierarchisierung menschlichen Werts.

Jüngstes Beispiel ist das Wort „Remigration“. Was so harmlos daherkommt wie ein Terminus aus der letzten Soziologievorlesung bedeutet nichts anderes als „Deportation“. Aber das kann man ja schlecht sagen, hat so einen negativen historischen Beigeschmack. Also schnell mal einen neuen Terminus erfinden, unter dem sich die meisten gar nichts Konkretes vorstellen können.

Vorher wurde bereits mit den Schlagwörtern „Migrantenflut“ und „Überfremdung“ reichlich Angst geschürt, dazu ein politisches Feindbild aufgebaut, die sogenannte „linksgrünversiffte Doktrin“, die angeblich überall ihr Unwesen treibt und bei uns alles kontrollieren soll.

Damit ist der Nährboden gelegt, auf dem die Saat des völkischen Gedankenguts gut verpackt in Eupemismen wunderbar gedeihen kann.

Wer jetzt, nachdem die „geheimen“ Remigrationspläne einiger (gar nicht so weniger) rechter Politiker*innen und Unternehmer*innen bekannt wurden, aufschreit und schockiert ist, hat wohl die letzten 10 Jahre auf der rosaroten Wolke verbracht. Wer es sich jetzt weiterhin leisten kann, alles Politische unkommentiert zu lassen, nur an den nächsten Urlaub oder den Stress im Büro zu denken, bereitet den Weg zurück in den Faschismus mit vor. So blind kann man gar nicht sein, die politischen Realitäten so dermaßen auszublenden, dass ein Wahlergebnis der extremen Rechte von über 20% im Bundesdurchschnitt für vertretbar gehalten wird. Dazu kommen ja noch Strömungen in den gemäßigten Parteien, die ebenfalls der Remigrationstheorie und der deutschen Leitkultur anhängen, man denke nur an die sogenannte Werteunion. Welche Werte diese vertritt, möchte ich mir lieber nicht erklären lassen.

Es wäre dringend an der Zeit, dass sich diejenigen, die sich gegen unmenschliches Gedankengut wehren, zusamemnschließen, aufzeigen, dass es nur miteinander geht, und nicht gegeneinander. Nationalismen bringen uns in der heutigen Welt, in der alles irgendwie zusammenhängt nicht weiter.

Geheim ist schon lange nichts mehr, die politischen und gesellschaftlichen Absichten am rechten Rand sind doch schon lange klar und werden auch ohne Euphemismen von Vertreter*innen dieser Parteien deutlich ausgedrückt.

Am Schlimmsten ist das Schweigen, das aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Das Echo dieser Leere hallt laut in meinem Kopf.

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Das Schweigen der Lämmer

Wenn man nach Jahren des guten Zusammenlebens das wahre Gesicht sieht, dann nennt sich das wohl Nachbarschaft.

Andere haben Angst vor dem Anderen, ich habe Angst vor den vermeintlich Unbeteigten.

Wort zum Wochenende: Die Woche hat toll angefangen – mit einer spannenden Fortbildung und ein paar schönen Momenten in der Familie und bei der Arbeit. So nach und nach sickerte in unseren Familienalltag  wieder der Siff des allgegenwärtigen Alltagsrassimus und so endete die Arbeitswoche heute mit einem „Hau ab!“. Ich habe einfach keine Lust mehr, immer alles runterzuschlucken, zu trösten und zu empowern, zu sagen, „die sind doch nur neidisch oder einfach blöd!“. Es reicht mir jetzt einfach: Wer es nicht täglich erlebt wird es wahrscheinlich abstreiten, das ist der ganz normale Reflex, der das System am Leben hält.  „Mach kein Drama draus!“ war dann die „Entschuldigung“ des Nachbarn. Erst wird unhöflich gepöbelt und dann wird es einem zum Vorwurf gemacht, wenn man sich nicht alles gefallen lässt. Wir haben nicht nach der Meinung anderer gefragt. Unser Wertekanon ist in Ordnung. Wir lassen andere in Ruhe. Wer ungefragt seinen Senf dazu gibt, ist einfach nur übergriffig und sollte sich mal fragen, bei welchen Menschen er/sie so handelt, und bei welchen nicht, und warum.
In diesem Sinne: Ich wünsche Euch ein schönes, friedliches Wochenende ohne Angst vor anderen!
 

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Mehr als Mutter

Moderne Zeiten – moderne Rollenverteilung. Das hätten viele gerne, aber ist es auch so?

Wenn man sich die moderne deutsche Frau so ansieht  – jedenfalls diejenigen, die sich auf sozialen Netzwerken selber darstellen, könnten Zweifel daran aufkommen. Und auch in der realen Welt, in Gesprächen zwischen Nachbarinnen, Freundinnen oder bei Elternabenden – vielfach habe ich das Gefühl gehabt, das sich viele Frauen ab dem Zeitpunkt, ab dem sie Mutter werden, ausschließlich als eine solche definieren. Wo sind die Frauen, mit denen Gespräche über Politik, Gesellschaft, Wissenschaft oder Kultur möglich sind?

Ja, das Mutterwerden ist ein Ereignis, das das bisherige Leben einer Frau stark verändert. Ja, ich liebe meine Kinder und habe auch Fragen und Diskussionsbedarf zu Kinderthemen. Aber nicht nur. Ich bin mehr als das. Und ich bin auch Dinge, die mit Mutterschaft absolut gar nichts zu tun haben. Und ich will über andere Themen sprechen können.

Mir erscheint es manchmal so, als ob viele moderne Frauen sich freiwillig in ihre Mutterrolle fügen und vieles von dem, was sie als Person vorher ausmachte, zur Seite schieben. Als ob sie das Baby im Arm gegen ihre einstige geistige Unabhängigkeit austauschen. Wäre es nicht vielmehr an der Zeit, dafür zu sorgen, dass es nicht ganz automatisch so ist, dass alles was mit dem (Klein-) Kind zu tun hat, zunächst mal Muttersache ist? Die Männer werden die Welt von sich aus nicht für uns ändern. Alle Errungenschaften der Emanzipation in Ehren, aber der Status Quo ist noch lange nicht die wirkliche Gleichberechtigung.

Viele Frauen geben, vielleicht sogar unbemerkt, mit dem Eingehen einer Ehe Aufgaben und Wissen an den Mann ab, weil „er es halt besser kann, weiß oder eh das Geld verdient“. Wie oft habe ich von Müttern gehört, dass sie sich nicht für Politik interessieren, oder dass sie über die Finanzen des eigenen Haushalts nicht wirklich im Bilde sind? Wie oft  stecken Frauen ab der Geburt des ersten Kindes beruflich zurück, weil „er sowieso mehr verdient“ oder „das mit den Kindern nicht auf die Reihe kriegen würde“? Ja, ok, diese Entscheidungen muss jede für sich treffen. Es wäre sicherlich für jede Frau von Vorteil, wenn diese Entscheidungen aber immerhin nicht einfach automatisch passieren, sondern ausgehandelt werden.

Wie jede ihr Familien- und Mutterdasein gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin organisiert, das sollte eine individuelle Entscheidung sein. Und ich will sicherlich nicht über Frauen werten, die sich bewusst für die reine Care-Arbeit entschieden haben. Aber eines kann ich nicht verstehen: wie man in den aktuellen Zeiten apolitisch sein kann – gerade als Mutter.

Interessiert es Euch nicht, in welcher Welt Eure Kinder aufwachsen werden? Ob es überhaupt noch realistisch ist, an Enkelkinder zu denken? Macht es Euch nicht krank zu sehen, wie Kinder anderer Mütter in den Meeren dieser Welt ertrinken oder in Kriegen, die wir mittragen, Kinder zu Soldaten gemacht oder vergewaltigt werden? Man kann nicht nicht-politisch sein. Sich als politisch nicht interessiert zu bezeichnen, halte ich für ein Privileg einer weißen Mittelschicht-Mama, jenseits des Atlantiks gerne auch Karen genannt. Ich halte es auch für ignorant der nächsten Generation gegenüber und obendrein den Vorkämpferinnen für die Rechte der Frauen gegenüber ziemlich undankbar.

Wie viele Instagramseiten von Frauen gibt es, bei denen sich fast ausschließlich alles um Mütterthemen dreht? Mütter, die bereuen, Mütter, die bedürfnisorientiert erziehen, Mütter, die von ihrem Alltag berichten, der oft aus Kinder- und Selbstfürsorge besteht. Diese Themen sind auch wichtig, sie haben ihre Daseinsberechtigung. Aber hey, Frauen! Wir sind mehr als das. Und vor allem sind wir Vorbilder für unser Töchter und Söhne. Wie wir unsere Rollen heute spielen, hat einen nicht unerheblichen Einfluss darauf, wie gleichberechtigt die Geschlechter zukünftig miteinander umgehen werden.

Wir haben in Deutschland vielleicht noch stärker als in anderen europäischen Ländern ein ziemlich veraltetes Mutterbild. Und es ist noch lange nicht so, dass andere Lebensmodelle ohne Mistrauen akzeptiert werden. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Wir zeigen mit unseren Fingern auf andere, wenn es um Frauenrechte geht, wir bilden uns ein, ein fortschrittliches Land zu sein, auch beim Thema Frauenrechte. Ja, es ist auch wichtig, dieses Thema global zu sehen, über die Grenzen unsere Landes und des Kontinents hinweg. Aber das sollte uns nicht blind für unsere eigene Verantwortung und für die Zustände in unserem Land machen. Gebt Eure politische, gesellschaftliche Verantwortung und eure eigene Meinung nicht mit dem Tausch der Ringe ab.

Wir möchten doch alle als eigenständige Personen wahrgenommen werden. Dieses Bestreben steckt in allen, und es fängt im Kindesalter an. Wir sind eine individualisierte Gesellschaft, in der alle mehrere Rollen ausfüllen, vor allem aber Individuum sind. Wie die kulturelle Identität einer Gesellschaft nichts Feststehendes, sondern immer im Prozess begriffen ist, so durchläuft auch die persönliche Identität einen stetigen Entwicklungsprozess. In gewisser Weise haben wir es auch ein bisschen selber in der Hand, als wer wir wahrgenommen werden. Ob wir uns auf unsere Mutterrolle reduzieren oder uns bemerkbar machen als eine Person, die Interessen und Kenntnisse sowie Meinungen hat und die diese auch ausspricht oder auslebt. Es muss für eine Frau heute möglich sein, sich ihre Persönlichkeit „leisten“ zu können. Es ist doch auf Dauer stinklangweilig, immer nur über Erziehungs- oder Schulprobleme sowie Familienurlaube zu sprechen. Das geht mir nicht tief genug. Ich möchte mehr von Euch Frauen wissen und hören!

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Lost

Ist das Jugendwort des Jahres 2020.  Passt ja irgendwie. Wie soll man in diesem Jahr auch was anderes als „lost“ sein.

Gerade habe ich gelesen, dass die deutsche Sprache seit 100 Jahren etwa 30% an Wortschatz zugelegt hat. Mit dabei sind sicherlich auch solche Anglizismen, die zunächst in der Jugendsprache ihren Platz haben und dann irgendwann in den normalen Sprachgebrauch übergehen.

Manche Sprachpuristen haben solche Ergänzungen gar nicht gerne. Aus Angst, das Deutsche würde irgendwann nicht mehr als eigenständige Sprache existieren, sollen Lehnwörter aus anderen Sprachen möglichst durch deutsche Wörter ersetzt werden.

Doch eine reine Sprache gibt es nicht und hat es nie gegeben, mit Ausnahme vielleicht von Sprachen, die nicht leben wie Latein oder Sprachen religiöser Werke. Sprache unterliegt schon immer dem Wandel, sonst würden wir heute noch die mittelalterlichen Verse eines Walther von der Vogelweide ohne weiteres verstehen. Realitäten ändern sich, Erlebtes ändert sich, neue Dinge werden erfunden, gesellschaftliche Strukturen ändern sich, das alles hat Einfluss auf die Sprache. Natürlich spielt da auch der populärkulturelle Einfluss von Unterhaltung eine Rolle. Auf der anderen Seite schafft und begrenzt Sprache unsere Welt, zeichnet Hierarchien nach und muss deswegen ab und an auch bewusst geändert werden. Was ich in meiner Sprache nicht ausdrücken kann, kann ich nicht repräsentieren, ist quasi inexistent. Was in meiner Gesellschaft als Idee nicht gewünscht ist, sollte auch nicht durch Ausdrücke weiterleben, weil diese Idee sonst weiter dargestellt werden kann.

Manche Sprachen sind noch sehr jung, an ihnen versuchen Sprachwissenschaftler*innen zu verstehen, wie Sprachen überhaupt entstehen. Die jüngsten Sprachen sind die sogenannten Kreolsprachen, Sprachen die beim Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und Ausgangssprachen in der Zeit des Kolonialismus entstanden sind. Vielleicht schreibe ich darüber mal einen Extratext, dazu gibt es sehr viel Interessantes zu sagen.

Sprachwandel, Einflüsse von Fremdsprachen, grammatikalische Entwicklungen, Verschiebungen von Wortbedeutungen; das alles ist sehr eng auch mit einem Verständnis von kultureller Identität verstrickt. Auch dieses Themenfeld ist so groß, dass es mit einem eigenen Text bedacht werden sollte.

Was stellt Ihr Euch vor, wenn Ihr an jemanden denkt, der „lost“ ist? Je nachdem, in welchem Kontext Ihr das Wort zu ersten Mal gehört oder verwendet habt, kann das ganz unterschiedlich sein.

Mir gefällt das Wort sehr gut. Aber ich befürchte, dass es für mich einfach nicht so negativ besetzt ist, wie für die Jugendliche, die es als Synonym für „ahnungslos“ oder „unentschlossen“ benutzen, manchmal einfach auch, um jemanden als total doof darzustellen.  Ich stelle mir unter jemandem, der „lost“ ist, eher jemanden vor, der tatsächlich ein bisschen verloren zwischen den Welten schwebt. Das Wort hat für mich eine gewisse Poesie, suggeriert Freiheit gemischt mit Melancholie.

Was wir uns unter bestimmten Wörtern vorstellen, definiert, wie wir die Welt sehen. Sprache hat daher einen sehr großen Einfluss auf unser Weltbild. Wer verschiedene Sprachen spricht, weiß sicherlich, dass es Dinge oder Sachverhalte gibt, für die er nicht in jeder Sprache angemessene Ausdrücke finden kann. Insofern ist es durchaus möglich, sich in verschiedenen Sprachen als eine unterschiedliche Person wahrzunehmen. Für mich ist es zum Beispiel wesentlich einfacher, in einer Sprache zu fluchen, die nicht meine Muttersprache ist. Denn in meiner Muttersprache wurde mir das fluchen nicht vorgelebt, es kommt mir auf Deutsch gänzlich unnatürlich vor.

Bevor wir uns zielführend miteinander unterhalten können, müssen wir definieren, was wir mit unseren Wörtern meinen, sonst sind wir buchstäblich „Lost in Translation“. Dies gilt für Unterhaltungen in derselben Sprache und noch viel mehr, wenn von einer in die andere Sprache übersetzt wird.

Kübra Gümüşay schreibt dazu in ihrem empfehlenswerten Buch „Sprache und Sein“ (Hanser Berlin, 2020):

„Es gibt Lücken. Zwischen der Sprache und der Welt. Nicht alles, was ist, kommt zur Sprache. Nicht alles, was geschieht, findet seinen Ausdruck darin. Nicht jeder Mensch kann in der Sprache, die er spricht, sein. Nicht etwa, weil er die Sprache nicht ausreichend beherrscht, sondern weil die Sprache nicht ausreicht.“

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Fahrrad

Gehörst Du auch zu denjenigen, die im Sportunterricht immer als letztes von der Bank gerufen wurden, wenn es darum ging, leistungsfähige Mannschaften für ein Völkerball- oder Basketballspiel aufzustellen?

Wenn ja, weißt Du genau, wie mein Verhältnis zu Sport und vor allem zum Sportunterricht gewesen ist. Wenn nicht, freu Dich, dass Du das nie erleben musstest. Wahrscheinlich warst Du auch sonst ganz beliebt und immer im Mittelpunkt der angesagtesten Gruppen der Schule.

Das Gefühl des Andersseins kann ein Mensch in vielerlei Hinsicht erleben. In eine von zwei Mannschaften erst als allerletzte aufgerufen zu werden, ist noch schlimmer als unsichtbar zu sein. Denn hier wird bildlich sichtbar, wer der oder die letzte ist. Naja, ich bin darüber hinweggekommen.

Dieses Nicht-Auserwählt-Sein hat aber sicherlich zu einem sehr ambivalenten Verhältnis zum Sportunterricht und zu verschiedenen Sportarten beigetragen.

Aber fangen wir mal von vorne an: Noch bis weit in mein Teenageralter hinein war ich immer die kleinste und schmächtigste in meiner Klasse. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Heute bin ich hormongeformter Durchschnitt, nach Pille und Schwangerschaften auf Kleidergröße 40 zurechtgewachsen.

In der Grundschule sah ich aus wie ein Kindergartenkind. Nur einmal war ich cool. Das war der Tag, an dem ich meine neuen Sportschuhe zum Weitspringen anziehen konnte. Damals war die Welt noch konsumleer, es gab keine Internetshops und auch keine drei Schuhgeschäfte vor Ort. Einmal im Jahr packten die Eltern ihre Kinder in das Familienauto und fuhren in eine große Stadt. Dann wurde der Jahreseinkauf an tragbarer Kleidung erledigt. Ich hatte sehr kleine und schmale Füße und war froh, überhaupt Schuhe zu finden, die mir gut passten. „Woah, das sind ja Adidas, die sind aber toll.“ (Cool oder geil sagten wir auf dem Dorf damals noch nicht). Ich wusste gar nicht was das war: Adidas. Das Weitspringen war ansonsten ein Desaster. Kein einziges Mal, auch nicht später in der weiterführenden Schule, habe ich für meine sportlichen Leistungen eine Urkunde erhalten. Bundesjugendspiele, wie ich sie hasste!

Die tollen neuen Schuhe waren überhaupt das einzige Mal, dass ich Sportunterricht positiv auffiel. Dabei war ich viel in Bewegung. Aber diese Bewegungsfreude war eben nicht auf Leistung bezogen.

Als die Grundschulzeit zu Ende war, mussten wir zur weiterführenden Schule fahren – mit dem Bus – damals ohne Handynutzung noch ein sehr lauter und stressiger Ort für ein schüchternes Kind vom Lande, oder, als endlich der Radweg fertiggebaut war, in den warmen Monaten mit dem Fahrrad. Helikopter-Taxi-Eltern gab es da noch nicht, es wäre wohl keinem der Mütter und Väter eingefallen, das Kind im einzigen Familienauto täglich hin und zurück zu kutschieren. Nur wenn wir mal den Bus verpasst hatten, oder Unterricht ausfiel, wurden wir gebracht oder abgeholt.

Mit dem Fahrrad kam ein Stück Freiheit in das Schülerleben, je älter wir wurden, desto mehr Gebrauch wurde davon gemacht. Wir waren frei vom Fahrplan, konnten ein paar Minuten länger schlafen und waren das Gedrängel und die genervten Busfahrer los. Und die Eltern konnten sich für ein halbes Jahr die Monatskarte sparen. In das Fahrradfahren bin ich sozusagen hineingewachsen. Es wurde ein ganz natürlicher Bewegungsablauf für mich und manchmal, nach anstrengenden Tagen mit zusätzlichen Musikproben oder Theater-AG-Nachmittagen brauchte ich diese Anstrengung, um wieder zu mir selbst zu finden. Ich würde heute behaupten, dass mein Körper, ähnlich wie bei Leistungssportlern, deren Körper sich der Sportart anpasst, sich in der Pubertät dem Fahrrad anpasste. Es war die einzige Sportart, die vollkommen natürlich ablief, bei der ich mich nicht zur Leistung drängen musste, sondern wo die Anstrengung von allein passierte.

Auf dem Fahrrad fühlte ich mich stark, schwerelos und losgelöst von Zeit und Raum. Wenn mich zu viel soziales Miteinander aus dem Konzept brachte, schwang ich mich in den Sattel.

In dieser Zeit war ich nur selten krank. Denn als ich älter wurde, fuhr ich immer öfter mit dem Fahrrad, bis in den Spätherbst hinein, und ganz früh im Frühjahr wieder. So bekam ich Dinge mit, die Menschen in Autos nicht sehen und fühlen können. Es gibt eine Stelle am Weg, da riecht das Gras im Spätsommer süßlich. Der Asphalt ändert seinen Geruch je nach Feuchtigkeit und Temperatur. Und auch die Geräusche sind je nach Jahreszeit sehr unterschiedlich. Ich rate jedem, einmal an einem frühen Frühlingsmorgen durch den dichten Nebel zu fahren und zu spüren, wie sich die kleinen Tröpfchen auf die Gesichtshaut setzen.

Leider durfte ich im Dunkeln nicht alleine Fahrradfahren, zumindest während der Schulzeit nicht.

Als ich später umzog und dann für eine Weile in Berlin lebte, fühlte ich mich auf dem Fahrrad immer sicherer als in der U-Bahn, auch im Dunkeln.

Je öfter ich umzog, desto schwieriger wurde es mit dem Fahrradfahren. Die Wege zur Uni oder zum Praktikum oder dann zum ersten Job waren teilweise mit dem Rad nicht mehr zu erledigen. Das Rad kam immer mit und wurde zur Freizeitgestaltung genutzt, aber mit dem ersten eigenen Auto kam auch die Bequemlichkeit. Die Distanzen, die durch weit entfernte Bekannt- und Liebschaften immer größer wurden, ließen es nicht zu, weiterhin nur Fahrradfahrerin zu sein.

Mit der eigenen Familie gab es dann noch mehr Entschuldigungen um das Fahrrad stehen zu lassen, zu wenig Zeit, muss noch jemanden mitnehmen, muss auf dem weg noch schnell einkaufen usw..

Wenn ich doch einmal wieder auf einem Fahrradsattel saß, fühlte es sich gleich richtig an.

Aber der Körper vergisst. Jahreslanges Radfahren hatten zwar den Körper mitgeformt, aber die Muskeln und das Lungenvolumen bleiben nicht über Jahre auf dem Höchststand, wenn alles auf Standby steht.

Der Körper vergisst und speichert dennoch Informationen. Schon lange wollte ich vom alltagstauglichen Damenrad wieder auf eine sportlichere Variante umsteigen. Lange gingen aber die Wünsche und Bedürfnisse anderer vor. Vor einem Jahr etwa stellte ich mir die Frage, ob ich nicht, nachdem ich endlich verstanden hatte, wie man joggen geht, ohne immer mit Seitenstechen zurückzukommen, auch in der Lage wäre, mit einem Rennrad zu fahren. Und ob ich es nicht schaffen könnte, wenigstens einmal, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Dazu muss man wissen, dass diese Strecke eine ziemliche Steigung aufweist und zwar von beiden Seiten aus.

Früher fand ich Rennradfahrer doof. War es nicht übertrieben, für eine einfache Fortbewegungsart sich so auszurüsten und bis aufs Gramm alles abzuwiegen, sich enge Sachen anzuziehen, um möglichst aerodynamisch zu sein und eine Menge Geld in die richtige Fahrradmarke zu stecken?

Zu Ostern schenkte ich mir ein neues Fahrrad. Es ist einfach toll!

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Die schon wieder!

Ihr findet, es nervt? Ständig diese Posts über (Anti-) Rassismus oder irgendwelche Statements zu Diversity! Hat die nichts anderes im Kopf? Ach nee, den Status schau ich mir nimmer an, weiß eh schon was kommt…

Nee Leute – das nervt nicht – Ihr braucht es ja nicht mal bis zu Ende lesen. Nerven tut das Negieren und Herunterspielen von Rassismus, das meiner Familie täglich begegnet. Nerven tut es, wenn die Realität meiner Liebsten als Zirkus wahrgenommen wird, wenn einfach gesagt wird, das (Rassismus) gibt es nicht, ist nur eingebildet, oder total übertrieben, wenn wir daraus immer solche großen Geschichten machen. Nerven tut es, wenn man zum zigsten Mal erklären muss, warum es Worte im Deutschen gibt, die man und frau nicht mehr benutzen sollten, wenn dann immer mit der Traditionskeule gehämmert wird und geschichtliche Argumente niedergemacht werden. Nerven tut es, wenn in einer Debatte um N-wort, M-wort, Z-wort oder einen entfernten Schwarzen König in einer Krippe ausschließlich alte weiße Männer ihre Meinung zum Besten geben und sich dann als gesellschaftlicher Mainstream empfinden, weil die eigentlich Betroffenen schon längst keine Lust mehr auf diese Diskussionen haben.

Jede/r hat so seine Steckenpferde. Für mich ist die Rassismusdebatte solange nicht abgeschlossen, solange Menschen aus meiner Umgebung täglich Erlebnisse haben, die einem nur mit dem Kopf schütteln lassen. Solange der Präsident der Vereinigten Staaten white supremacy nicht deutlich öffentlich zurückweist und solange Menschen denken, in ihrer Umgebung hätten alle so zu sein und zu leben, wie sie sich das wünschen, so lange werde ich weiter nerven.

Der Traum von Martin Luther King wird gerne zitiert, dessen Realisierung erscheint mir heute in so weiter Ferne wie nie zuvor.

Alles was wir tun und lassen ist politisch. Wer sich mit manchen Themen nicht auseinandersetzen möchte, macht damit auch ein Statement.

Gibt es Euch nicht zu denken, was heute auf deutschen Straßen wieder alles so laut gesagt wird, was wieder „salonfähig“ geworden ist? Wir sollten eigentlich wissen, dass es nie zu früh sein kann, aufzustehen und den Mund auf zumachen.

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Alltagsrassismus und Rassismus als System

Eine persönliche Einschätzung

Das Thema „Rassismus“ ist für mich schon sehr lange ein Thema. Leider interessieren sich dafür anscheinend nur Wenige, die sich nicht direkt persönlich betroffen fühlen. Dabei ist Rassismus in unserer Gesellschaft als systemerhaltendes Machtinstrument verankert. Ähnlich wie es der Feminismus bis jetzt nicht geschafft hat, patriarchale Strukturen tatsächlich aufzubrechen und es noch ein langer Weg sein wird, bis Frauen ungefragt überall gleichbehandelt werden, so wird es auch für den Antirassismus noch ein sehr langer Weg sein, bis Menschen tatsächlich einfach nur als Menschen angesehen werden und nicht nach „Farben“ hierarchisiert wird. Zu diesem Thema gibt es inzwischen sehr viele gute Bücher, die gut zu lesen sind und mit denen man/frau selber an seinen Einstellungen arbeiten kann. Für mich ist dies eine Aufgabe, der sich jede/r stellen sollte, die/der der weißen Mehrheitsgesellschaft angehört.

Außerdem gibt es auf Instagram sehr viele gute Seiten, die den Alltagsrassismus in Deutschland sichtbar machen.

In diesem Jahr hat die Black Lives Matter Bewegung aus den USA auch Deutschland erreicht; das hat dem Thema einen ungeahnten Aufschwung beschert. Ich hoffe, dass diese Aufmerksamkeit wirklich zu Umbrüchen führt und Änderungen kommen werden.

Für mich, die ich im Bildungsbereich tätig bin, ist gerade in diesem Bereich noch sehr viel zu tun.

Hier kommt ein Text, den ich geschrieben habe, nachdem im in einem „Sozialen“ Medium mal wieder eine total nervige Diskussion bezüglich des M-Wortes hatte und die Person, mit der ich diskutiert habe, genau die immer gleichen Abwehrmechanismen bemüht hat, die von weißen Zeitgenossen, die sich nur oberflächlich mit dem Thema beschäftigen, immer wieder kommen.

Auch dazu gibt es sehr gute Bücher – die Literaturhinweise zum Thema werde ich in einem Extrablog noch zusammenstellen. Diese Bücher kann jede/r lesen, dafür muss man nicht Schwarz oder grün oder gelb sein!

Wie man es auch sehen kann

Für diesen (Achtung!) langen Text, möchte mich zunächst auf die Instagram-Seite „#wasihrnichtseht“ von @domilucha beziehen, auf der Rassismuserfahrungen gesammelt und sichtbar gemacht werden. Abonniert sie oder guckt zumindest mal rein – damit Ihr seht, von was ich hier spreche. Solche Geschichten könnte auch ich auf Anhieb mindestens 20 erzählen, obwohl ich selbst „nur“ Zeugin oder Trösterin war, nicht direkt von den Angriffen betroffen – obwohl, manches Mal bin ich sicherlich auch mitgemeint. Ich bin weiß, mein Mann ist Schwarz, wir haben drei Kinder und einen buntgemischten Freundes- und Familienkreis. Wer sich nicht vorstellen kann, wie es in einer Kleinstadt ist, anders zu sein, dem rate ich zu einem Stadtbummel mit ein paar Schwarzen Menschen: je größer die Gruppe, desto bedrohlicher scheint es für den Original-Deutschen zu sein. Unverhohlene Stierblicke, Angestarrt-Werden wie im Zoo, man könnte meinen, solches Verhalten müsste in unserer modernen, mondialisierten Welt der Vergangenheit angehören. Aber weit gefehlt, hier in der Provinz stieren einem die Blicke aus jedem zweiten Eiscafé an. Die Betroffenen selbst haben irgendwann zu Recht die Nase voll und wollen manchmal gar nichts mehr erzählen; einfach nur in Ruhe gelassen werden und ein normales Leben leben. Daher denken auch viele Bekannte, dass es ihrem Schwarzen Bekannten ja nicht so ergeht. Selbst Leute, die sich Freund nennen, können sich oft nicht in die Situationen hineinversetzen, wollen die Erfahrungen herunterspielen und gleichsetzen mit Diskriminierung, die sie als Deutsche vielleicht mal im Ausland erfahren haben oder anderen individuellen Diskriminierungserfahrungen.

Es ist gut, diese Erlebnisse, die für unsere Nächsten Alltag sind, sichtbar zu machen, denn auch das ist mir schon oft begegnet: Vollkommenes Unverständnis über meine Wut und Negierung der kleinen Stiche – in den Augen vieler sind es die Betroffenen selbst, die einfach zu empfindlich oder sensibel sind und jedes Wort auf die Goldwaage legen.  Mir selbst wird Hysterie vorgeworfen, dass ich dem Thema  zu viel Gewicht beimesse, parteiisch bin, weil ich selbst mit drin stecke – auch ein „selber schuld, wenn man sich so einen Partner sucht“ habe ich schon mal zu hören bekommen. Oder „Was haben denn deine Eltern dazu gesagt?“…

Leider befürchte ich, dass die hier geschilderten Erfahrungen zu einem großen Teil auch nur von Leuten gelesen werden, die sich tatsächlich mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Aber es ist dennoch ein sehr wertvoller Schritt, je mehr Rassismus-Erfahrungen da stehen, desto sichtbarer wird die Alltäglichkeit des Ganzen und sichtbar wird auch der Gleichmut, mit dem die Masse diesen Erfahrungen begegnet.

Vieles läuft unter der Oberfläche, über Sprache, Verhalten, auch über vermeintlich positive Bemerkungen. Unsere gesamte Sprache ist der Ausdruck unseres Gedankensystems, unserer Machtverhältnisse und transportiert diese immer weiter. Daher ist es wichtig, Wörter, die vermeintlich nicht bös gemeint sind, ersatzlos zu streichen, wenn sie eine schmerzhafte Geschichte transportieren – auch hierzu habe ich schon einige Diskussionen geführt, nicht immer mit Erfolg.

Neben den Wörtern gibt es das Verhalten – ebenfalls eine Form der Kommunikation und als Ergänzung des Gesagten zu sehen. Es kommt nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern auch wie. Und hier sind wir bei einem Schlüsselpunkt: Ohne es zu bemerken, nehmen viele weiße bei der Kommunikation mit Schwarzen die Rolle des Mächtigen ein, so sind wir es ja gewohnt. Wir haben gelernt: Wir müssen ihnen die Welt erklären, wir wissen wie es läuft und nur wir wissen, was wirklich weh tut. Daraus resultiert eine Sprechweise, die deutlich von der Art abweicht, in der wir mit weißen sprechen würden. Beobachtet Euch mal selber…

Einmal hat mein Mann eine Mauer gebaut – alle zwei Stunden kam ein anderer weißer Freund vorbei, keiner davon Maurer, mit Ratschlägen, wie die Mauer anders gebaut hätte werden müssen. (Ja, ich frage auch den Gärtner, wenn ich wissen will, wie man ein Klavier stimmt.)

Überhaupt diese Unhöflichkeit und dieses Misstrauen, mit dem viele weiße Schwarzen gegenübertreten – so will niemand behandelt werden. Wo bleibt der Spiegel, den wir uns ab und zu mal selber vorhalten sollten? Wo ist Empathie – ist das eine Fähigkeit, die nicht zählt und daher auch nicht weiter gegeben wird? Zuhören, verstehen wollen und nicht gleich doppelt so laut sprechen, weil man vermutet, dass der andere einen vielleicht nur halb versteht – das wäre mein Wunsch.

Gerade am Wochenende haben wir es wieder erlebt – wir treffen eine Mitschülerin unseres Sohnes, die auch schon mal bei uns zuhause war, in einem Laden. Ihre Stiefmutter, die uns nicht kennt, brüllt meinen Mann an, weil er sich mit ihr unterhalten hat, nach dem Motto „was willst Du?“. Sagt dann später noch, dass es halt viele gefährliche Leute gibt… Man könnte ja auch einfach ganz höflich fragen: „Ah Sie kennen die…? Woher?“ oder sich zumindest für das unhöfliche Auftreten entschuldigen?

So wird die Liste immer länger, und die Hoffnung, dass sich etwas ändern wird, wieder ein kleines bisschen kleiner.

Wir isolieren uns ungewollt jedes Mal ein bisschen mehr, von unseren Nachbarn, Bekannten und Freunden, weil kein Verständnis da ist und Nachbarn auch schon mal im Spaß „Hey N..ga!“ oder im Suff „Du bist doch beim I.S.“ sagen. Weil Kinder in der Schule Judenwitze erzählen und auf dem Schulweg sagen „Ich wünschte es käme ein zweiter H..ler, dann würde der die ganzen Muslime endlich auslöschen.“ Und weil das außer uns wohl niemanden zu stören scheint?!

Ich finde, dass es in den letzten Jahren mit den offenen Anfeindungen und den unüberlegt dahingesagten Naziparolen schlimmer geworden ist, und bin verwundert, dass in vielen Institutionen ein Auge zugedrückt oder weggeschaut wird. Am unterschwelligen Rassismus hat sich nichts geändert, der ist immer noch genauso da, wie vor 30 Jahren, oder sogar stärker geworden.

Wo ist das weltoffene, tolerante Deutschland, als das man sich im Ausland gerne darstellen möchte? Wir reisen wie die Weltmeister, aber unser Blick auf die Anderen, vermeintlich Fremden bleibt der gleiche wie vor 100 Jahren. „Die sind da ja auch so dreckig!“ in der Karibik – komisch – nach meinen Erfahrungen wird da 5mal mehr geputzt und geduscht als bei uns. „Die haben ja alle mehrere Frauen.“ – ja, genau, und Ihr fahrt dort auch nur hin für ein nettes exotisches Abenteuer, womöglich noch mit Minderjährigen um mal ein Gegenklischee zu bemühen. Wir fahren wohl nur ins Ausland, um anschließend erzählen zu können, was „da unten“ alles so neben der Spur ist. Finden wir an uns selbst nichts Gutes, um uns immer und immer wieder über das Abwerten anderer zu definieren? Wie können wir guten Gewissens reisen, wenn wir alles von oben herab be- und ver-urteilen?

Welche Angst muss ein „Volk“ treiben, sich so sehr über Negatives zu definieren? Die berechtigte Angst, dass sich alle, die durch uns und unserer Vorfahren unterdrückt, ausgebeutet, entmenschlicht und entrechtet worden sind, sich irgendwann rächen? (Das gilt im Übrigen nicht nur für „die“ Deutschen, in vielen anderen Ländern mit kolonialer Vergangenheit findet man Ähnliches – in Frankreich zum Beispiel, wo viele Schülerinnen und Schüler nicht mal „ihre“ Überseedepartements richtig geographisch verorten können – denn die Bewohner sind ja schwarz, also muss es bei Afrika sein…)

Blindheit vor geschichtlichen und ökonomischen Zusammenhängen, die bis heute für ungesunde Abhängigkeitsverhältnisse sorgen, hat so manchen arrogant gemacht. Leider wird im Bereich der Bildung bisher auch noch viel zu wenig getan, um diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. Das Thema Kolonialismus und Versklavung bleibt ein Randthema in den Geschichtsbüchern. Schon in Kinderbüchern werden Schwarze als unzivilisiert dargestellt. Nur, was ist das für eine Zivilisation, die sich auf Ausbeutung und Unterdrückung gegründet hat, und deren beste Errungenschaften (wie die Demokratie) immer nur für einen bestimmten Teil der Menschen galten? Die gerne verschweigt, dass es bereits lange vor ihr andere Zivilisationen gab, die Großes geschaffen haben und auf deren Erfindungen und Philosophie auch Teile unseres Weltbildes bauen?

Gutmeinende Gutmenschen bemühen heute oft das Bild der Kinder, die sich über Farbgrenzen hinweg verstehen und sagen dann: Kinder kennen keinen Rassismus (also lasst ihn uns auch nicht sehen). Ja mag sein, vielleicht bis sie ein oder zwei Jahre alt sind. Kaum treffen sie in ihrer sozialen Umgebung auf die Umwelt, sei es auf Spielplätzen, in Cafés, Supermärkten, Schwimmbädern oder dann in Kindertageseinrichtungen auf die institutionalisierte Erziehung, ist es vorbei mit der Idylle. Also – wenn ich länger darüber nachdenke, ist es oft schon vorher vorbei: Denn schon im Mutterleib hört das Baby Aussagen wie „Oh das wird bestimmt ein ganz süßes Schokobaby.“ Oder der Kinderarzt fragt bei der U4 ob es besonders viele Karotten gegessen hat…

Erziehung und Bildung sind wichtige Felder, in denen antirassistische Werte (außerhalb der Familie, die den Grundstein legen sollte) und ein Verständnis für die Alltäglichkeit von Rassismus und das eigene Verankert-Sein in diesem Denken vermittelt werden könnten. Dafür müssen die Vermittler*innen aber für die Thematik sensibilisiert sein. Manchmal hat man Glück und trifft auf Personen, die offen sind – auch das ist uns passiert, um auch noch etwas Positives zu berichten: Lehrer*innen, die dankbar sind für Hinweise auf unsensibel bebilderte Klassenarbeiten oder auf etwas zu leichtfertig Dahingesagtes zur Genthematik, die zuhören können und Erfahrungen ernst nehmen und sie in Diskussionen aufnehmen, auf eine Art, die die Betroffenen nicht bloßstellt.

Es besteht vielleicht doch noch Hoffnung: Der Dialog bietet dafür eine Chance, kann aber auch sehr ermüdend sein, daher: Chapeau an alle, die sich diese Arbeit auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Und an alle, die es nicht als ihre wichtigste Aufgabe sehen, den Rassismus zu bekämpfen – denkt daran, auch kleine Aktionen zeigen Wirkung. Und am allerwichtigsten: Erkennt die Erfahrungen eurer Schwarzen Mitmenschen an – es sind nicht bloß Kleinigkeiten, und es passiert täglich.

Hier sind zur Illustration zwei Situationen aus unserem Negativalmanach:

Die erste bewusste Begegnung eines Kindes mit Rassismus:

Sohn (4 Jahre alt) kann nicht einschlafen. Auf die Frage, was los ist, wird herumgedruckst. Erst als der Papa aus dem Zimmer geht, kommt die Frage: „Stimmt es, dass der Papa aussieht wie Kaka? Der … hat gesagt, dein Papa sieht aus wie Kaka.“

Was es für ein Kind bedeuten muss, den Papa schützen zu wollen und den ganzen Nachmittag über das Gesagte zu grübeln…

Ein Tag im Schwarzwald (nicht 1933, sondern 2013):

Am Titisee wird die Tochter meiner Freundin zur Seite geschubst und als N… beschimpft. Im Kuckucksuhrengeschäft behandelt man die Kinder wie Diebe („Don’t touch!!!“). Auf dem Rückweg beim Kaffee am Feldberg sitzt ein Nazipaar am Nebentisch, schon ziemlich angetrunken, und fängt an über die M—Kinder zu lästern und den Untergang Deutschlands heraufzubeschwören. (Wir sind zwei weiße Frauen, ein schwarzer Mann und sieben unterschiedliche Kinder). Mein Mann setzt sich dazu und sucht das Gespräch, bei dem es zu keinen wirklich nützlichen Erkenntnissen kommt. Beim Bezahlen sage ich der Wirtin, dass sie künftig ihre Kunden ein bisschen im Auge behalten muss, sonst kommen bald keine zahlungswilligen Touristen mehr in das Café. Sie sagt, dass sie nichts machen kann, die wohnen da halt in ner Ferienwohnung. Beim Abfahren kriegen wir von dem Paar den H-Gruß gezeigt. Wir waren zu aufgeregt, um das zur Anzeige zu bringen und sind seitdem nicht mehr mit Besuch auf den Feldberg gefahren.

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Die privilegierte Unschuld

Empfundene Ungerechtigkeiten haben mich schon als Kind aufgeregt. Benennen konnte ich die Gründe für das Empfinden ganz lange sicherlich nicht wirklich. Dass wir in einer Gesellschaft aufwachsen, in der es erhebliche Ungleichheiten gibt, dass habe ich allerdings bereits in unserem kleinen Dorf in der kleinen Dorfschule bemerkt. Da gab es Kinder, die waren intelligent, aber ihre Eltern hatten Angst vor dem Unbekannten und haben sie lieber nicht auf das Gymnasium in der Kleinstadt geschickt. Alles in allem war es dennoch eine ländliche Dorfidylle, wie es sie heute wohl kaum noch gibt. Es war sicher. Wir konnten stundenlang alleine draußen spielen, ohne dass sich jemand Sorgen machte. Es war irgendwann auch langweilig. Wir träumten von der großen Stadt und wollten erst mal weg nach der Schule.

Wir wussten noch nichts von den viel größeren Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die es auch damals in der bundesdeutschen Gesellschaft bereits gab. Wir lebten in einer heteronormativen, weißen Blase. Es gab in unserem Dorf keine „Ausländer“. Meine hochdeutschsprechenden Eltern waren schon außerirdisch genug. Auch in der Kleinstadt gab es kaum Diversität in der Schule. Die türkischstämmigen Kinder stiegen zwar in den gleichen Bus, stiegen jedoch fast alle bei einer anderen Schule aus – der Förderschule.

Das fand ich schon ein bisschen seltsam.

Mein privilegiertes Leben bestand aus viel Schule, ein paar Hobbies, Musikschule und Theaterabonnement sowie regelmäßigen Urlaubsreisen. Zwar nur Camping – aber es stand nie zur Debatte, dass wir uns etwas nicht leisten könnten. Es war außerdem auch klar, dass ich studieren würde. Und zwar nicht irgendein Fach, dass einen lukrativen Job versprach, sondern ein Studienfach, für dass ich mich tatsächlich interessierte.

Dass dies Privilegien sind, wurde mir erst später klar.

Einmal, ich war sechzehn oder siebzehn, traf ich mit einer Freundin zusammen bei einer Zugfahrt einen Asylbewerber aus Algerien. Er erzählte uns, dass er einmal Leistungssportler, ich glaube Schwimmer, in seinem Land gewesen sei und dieses verlassen musste, da er politisch verfolgt wurde. Er hatte einen sehr traurigen Blick und wenig Hoffnung, dass seine Situation besser werden würde. Uns wurde auf einen Schlag bewusst, wie sehr der Lebensweg eines einzelnen vom Zufall des Geburtsortes abhängig ist.

Es war die Zeit von Mölln, Solingen, Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Alles Orte, die ich nie mehr ohne Bedenken besuchen kann, da ihr Name in meinem Kopf für immer einen Makel hat.

Es war die Zeit der NPD und der Springerstiefel-Nazis, gegen die wir demonstrierten und die sich Nachts mit den Punks auf den Feldern vor der Stadt kloppten, so die Legende. Obwohl das Rechtsextreme deutlich sichtbar in der Gesellschaft war, glaubten wir alle (aus einer „reinweißen“ Kleinstadt stammend), dass der Rassismus in unserem Land überwunden sei und nur ein paar ewig gestrige Idioten ganz speziellen Theorien anhingen. Dass es auch damals bereits einen tiefverankerten strukturellen Rassismus in den beiden gerade zusammenwachsenden Teilen Deutschlands gab, konnten wir in unserer Unschuld vielleicht noch nicht wissen.

So richtig klar wurde mir die Sache mit dem Privileg erst, als ich für zwei Auslandsemester an eine Uni in einer französischen Banlieue ging. Zwar hatten wir diese marginalisierten Stadtteile im Französischunterricht in einer quasiromantisierenden Art behandelt, wussten auch ein bisschen was von der kolonialen Vergangenheit unserer Nachbarn (unserer eigenen natürlich nicht), aber das direkte Eintauchen und Mitleben in diesem Viertel hat mich vielleicht mehr gelehrt, als der ganze Rest meines Studiums.

Meine ehemaliger Französischlehrer fragte meine Eltern damals, warum ich mein Erasmusjahr nicht lieber in der Provence verbringen würde, das sei ja nicht das richtige Frankreich, was ich da kennen lernen würde. Genau das ist aber der springende Punkt: Was ist das richtige Frankreich, oder auch das richtige Deutschland?

In der Vorstadt lernte ich Menschen aus den unterschiedlichsten Kontinenten kennen. In meinem Studentenwohnheim gab es nicht wenige, die sich hauptsächlich deswegen zum Studium eingeschrieben hatten, um so an ein bezahlbares Studentenzimmer zu kommen. Zwar wurde auch studiert und vor allem viel debattiert, aber tagsüber waren die meisten damit beschäftig, über Zeitarbeitsfirmen Geld in die Studentenkasse zu bekommen. Mit eigenen Augen konnte ich nun sehen, was ich nur aus den Theorien der Soziologen kannte: Hierarchien, Identitätsfragen, Abstufungen nach Herkunft und Hautfarbe. Ich konnte verstehen, was Pierre Bourdieu mit sozialem und kulturellem Kapital meinte. Vielleicht fiel mir deshalb das Verstehen einiger Bücher und Texte nach diesem Aufenthalt auch deutlich leichter.

Mit „echten“ Franzosen hatte ich so gut wie keinen Kontakt. Dafür waren die Bindungen zu einigen der „unechten“ so tief, dass sie bis heute noch bestehen.

Immer wieder bin ich dorthin zurückgekehrt, um ehrlich zu sein, auch aus persönlichen Gründen. Ich habe es keinen Tag bereut, auf die Provence verzichtet zu haben. Die kannte ich aus unzähligen Ferienaufenthalten zu genüge.

Seit meinen beiden Auslandssemestern hat mich die Frage nach kultureller Identität, nach Selbst- und Fremdzuschreibungen immer weiter beschäftigt, so sehr, dass dies am Ende meines Studiums eines der zentralen Themen wurde, mit denen ich mich wissenschaftlich beschäftigte. Dabei spielte immer wieder die Sprache als Identitätsmarker, aber auch als Bedeutungsträger, eine wichtige Rolle.

Nach dem Studium ging ich für ein halbes Jahr als Deutschlehrerin nach Marokko – ein Professor hatte mich auf die Stelle aufmerksam gemacht. Hier war ich selber nun die andere, von der jeder Schritt beobachtet wurde, der bestimmte Eigenschaften und Ansichten ohne Nachfrage nachgesagt wurden. Allerdings war das Machtgefüge nicht dasselbe, als das, das ein Marokkaner erlebt, wenn er nach Deutschland kommt. Als europäisch gelesen, gehörte ich automatisch zur Welt der ehemaligen Kolonialmächte, zu denen, die auch heute noch die Deutungshoheit haben. Als Deutschlehrerin hielt ich darüber hinaus einen wichtigen Schlüssel in der Hand: Das bestehen der Mittelstufenprüfung war für viele der erste Schritt, in Deutschland ein Studium zu beginnen. Ein anderer Schlüssel wird von uns vielleicht oft als lästig oder lächerlich wahrgenommen, aber es gibt ihn und er wird genutzt: Die Heirat mit einer Europäerin würde es einfacher machen, ohne Gefahren über das Mittelmeer zu kommen. Ja, ich habe auch ein paar Heiratsanträge bekommen, wie ernst gemeint, kann ich nicht sagen.

Die Möglichkeit, einfach mal so für ein halbes Jahr im Ausland zu arbeiten, dort herumzureisen und, wenn es dann genug ist, wieder zurückzukommen – auch das ein Privileg, das viele junge Leute aus dem sogenannten Westen heute nutzen.

In Marokko kann (oder konnte man damals – vor fast 20 Jahren) noch einiges beobachten, was als Spuren des Kolonialismus gedeutet werden kann. Und bei genauerem Hinsehen sollte man dann anfangen, sich bestimmte Fragen zu stellen – die darauf aufmerksam machen, dass die heutige Situation in der Welt kein Gleichgewicht ist, sondern die moderne Verfestigung kolonialer Strukturen, die ungefragt reproduziert werden.

In Marokko gibt es auch unter den Marokkanern unterschiedliche Schichten und Bildungsgrade. Aber es gibt immer noch Viertel, in denen vornehmlich Franzosen in sehr komfortablen Verhältnissen leben. Diese Expats würden sich nie Migranten nennen, dabei sind es doch auch „Wirtschaftsflüchtlinge“. Sie haben gut bezahlte Posten bei den Auslandsvertretungen französischer Firmen, oder auch bei Auslandsinstituten wie dem Institut Français ( welche Aufgabe diese Institute, zu denen ja auch das Goethe Institut zählt, ursprünglich mal hatten, und ob das alles so toll ist, müsste an anderer Stelle geklärt werden), große schöne Häuser mit marokkanischen Hausangestellten, und in ihre Viertel verirrt sich meist niemand anderes.

Wenn wir darüber urteilen, dass es bei uns Parallelgesellschaften gäbe und sich solche nur mit solchen treffen, dann sollten wir uns an die eigene Nase fassen und mal überlegen, wie sich viele Europäer im Ausland verhalten.

Die meisten Marokkaner sind sehr gastfreundlich und ich bin sehr oft von Schüler*innen nach Hause zum Essen eingeladen worden. Leider habe ich die Sprache nicht richtig gelernt – denn, Kolonisierung lässt grüßen – fast alle älteren Personen sprechen oder verstehen Französisch.

Dass in Marokko Ungläubige übrigens nicht in die Moscheen dürfen (anders als bei uns oder in der Türkei) ist ebenfalls eine Folge der französischen Besatzung, genauso wie die Tatsache, dass es neben fast allen alten Medinas noch ein neues Stadtzentrum gibt. Bevor man also über Tatsachen urteilt, die einem irgendwie ein Dorn im Auge sind, lohnt es sich oft herauszufinden, wieso etwas so ist.

Das Erbe des Kolonialismus spricht aus der Zerrissenheit der Ansprüche und Wirklichkeiten der jungen Leute, mit denen ich mich viel unterhalten habe (heute sind sie auch alle schon erwachsen, leben teilweise in Marokko, teilweise im Ausland und viele haben aus ihren Potentialen viel gemacht).

Auf der einen Seite lieben sie ihr Land, können sich keinen besseren Ort vorstellen, preisen das leckere Essen und die Schönheit der Landschaft, die Vielfalt ihrer Gesellschaft und die Geschichte. Auf der anderen Seite ist die Verzweiflung groß, da es wenig Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs gibt. Das politische System ist von einer Demokratie weit entfernt und laut darüber sprechen will niemand.

Während ich in den sechs Monaten zweimal ohne Probleme hin- und zurückreisen konnte, hofften alle meiner Schüler*innen auf Zulassung zu einem Auslandsstudium, um ein Studentenvisum zu erhalten. Viele Deutschschüler*innen hatten Eltern, die Ihnen den Deutschunterricht und auch das Studium finanzieren konnten. Es gab aber auch Schüler*innen, die sich das Geld für den Sprachunterricht vom Munde absparten und neben des Unterrichts noch diversen Jobs nachgingen.

Einmal kam ich in eine brenzlige Situation: Es war gerade der zweite Irakkrieg ausgebrochen und eine Demonstration gegen die USA sollte stattfinden. Ein sehr aufgebrachter Mann, der mich wohl für eine Amerikanerin hielt, nahm mich in den Schwitzkasten und gestikuliert und schrie. Niemand kam mir zu Hilfe, die Leute standen 10 Meter entfernt in einer Traube und schauten zu. Zum Glück konnte ich meinen Ausweis irgendwie aus meiner Tasche fischen und ihm beweisen, dass ich keine Amerikanerin war. Bei meiner Arbeit angekommen, wurde ich erst mal getröstet und dann mit Begleitschutz nach Hause geschickt.

Wenn ich heute von Situationen lese, in denen jemand diskriminiert oder angegriffen wird aufgrund von äußeren Merkmalen, die nichts über die Einstellung dieser Person aussagen, dann bin vor allem auf die Glotzer wütend, die die dabei stehen und nichts machen, oder die, die bei rassistischen, homophoben oder sonstigen diskriminierenden Witzen einfach mit lachen, weil es ihnen zu unbequem ist, die Situation zu belasten. Jede/r hat zumindest meistens die Möglichkeit, sich auf irgendeine Art und Weise dazwischen zu stellen.

Ganz viele meiner Privilegien sind mir allerdings erst in den letzten Jahren so richtig bewusst geworden. Dass ich inzwischen selber Kinder habe und mir manche Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel ansehe, hat vielleicht dazu beigetragen. Sicherlich auch die Tatsache, dass uns verschiedene gesellschaftliche Umwälzungen vor immer wieder neue Fragen stellen.

Dieses Thema ist unersättlich und wird sicherlich noch einige weitere Texte dazu geben.

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Die kurzen Tage

Wenn es Herbst wird, igeln wir uns ein – die Energie der Sonne fehlt und die Tage sind so schnell vorüber.

Herbst ist immer eine zwiespältige Sache. In diesem Jahr noch mehr als sonst. Wir haben sowieso schon die Tendenz, nur noch wenig vor die Tür zu gehen, aber durch die aktuelle Situation kommt fast das ganze Sozialleben zur Strecke. Jede*r tut nur noch, was gerade nötig ist. Manchmal weiß man gar nicht mehr, wie man den anderen gegenüber treten soll. Eine gute Zeit, um ein bisschen kreativ zu sein und Dinge auszuprobieren, für die bisher vielleicht nicht genügend Platz war.

Während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr war wenigstens das Wetter fast durchgehend gut. Ich habe meine Liebe zum Fahrradfahren wieder entdeckt, mehr Zeit für Bücher gehabt und konnte auch mal gemeinsam mit allen Kindern malen und basteln.

Das Herbstprojekt heißt „Blog“ und wer weiß, vielleicht können sich ein paar der Familienmitglieder auch mit einbringen.

Da meine Interessen ziemlich vielfältig sind, konnte ich sowieso keine thematische Ausrichtung festlegen – es wird also eine Seite des kreativen Chaos und des gedanklichen Austauschs werden.

Neben Fahrrädern, Kreativität und Familienleben interessiere ich mich auch brennend für Gesellschaft, Politik und Sprache.

Wenn es hier mit mehr Beiträgen gefüllt sein wird, werde ich sicherlich ein richtiges Ordnungssystem einführen.